Wohin haben wir uns entwickelt?

Lektionen aus Ghana über Natur, Mode und Heilung

Was bedeutet es eigentlich, „entwickelt“ zu sein?

Diese Frage hat uns nach unserer Reise nach Ghana für unser Projekt Under Our Skin – Mikroplastik in der Mode nicht mehr losgelassen.

Wir waren nach Accra gekommen, um zu verstehen, was am anderen Ende des globalen Modesystems passiert: wenn Kleidung, die in industrialisierten Ländern konsumiert – und weggeworfen – wurde, anderswo ankommt.

Wir wurden Zeuginnen der Folgen und waren schockiert. Es ist eine Sache, erschütternde Bilder von Bergen aus Kleidung auf dem Bildschirm zu sehen. Sie mit eigenen Augen zu erleben, hinterlässt jedoch tiefe Spuren.

Und wir begegneten noch etwas, das zu einem ebenso wichtigen Teil unserer Reise wurde: einer anderen Art, über unsere Beziehung zur Natur nachzudenken.

Das brachte uns zu der Frage:  Was, wenn gerade die Länder, die wir als „entwickelt“ bezeichnen, etwas Grundlegendes neu lernen müssen?

Wenn Modeabfall den Ozean erreicht

Im August 2025 reisten wir nach Ghana, um mit Menschen zu sprechen, die vom internationalen Handel mit Secondhand-Kleidung und Textilabfällen betroffen sind.

Eines unserer Ziele war der Kantamanto Market in Accra, einer der größten Secondhand-Kleidermärkte der Welt. Tausende Menschen bestreiten mit dieser Wirtschaft ihren Lebensunterhalt. Kleidung aus Ländern mit hohem Einkommen wird hier verkauft, repariert, wiederverwendet und upgecycelt.

Doch nicht alles, was ankommt, kann genutzt werden. Für die Händler:innen kann die Qualität eines Ballens darüber entscheiden, ob sie das dafür bezahlte Geld wieder hereinholen. Zaria, die zum Zeitpunkt unseres Treffens seit zwölf

Jahren Secondhand-Waren auf dem Kantamanto Market verkaufte, beschrieb die Realität ganz einfach:

Wenn die Sachen gut sind, bekommst du Dein Geld sofort zurück. Aber wenn die Sachen nicht gut sind, leidest du, bevor du sie verkauft bekommst.

 Zaria
Zaria
Verkäuferin auf dem Kantamanto Market

Zaria zuzuhören machte das wirtschaftliche Ungleichgewicht greifbar. Kleidung von schlechter Qualität wird nicht einfach zum Abfall eines anderen Menschen: Auch die Kosten und Risiken können auf Menschen abgewälzt werden, deren Lebensunterhalt davon abhängt, in dem noch einen Wert zu finden, was andere weggeworfen haben.

Wir folgten dieser Spur über den Markt hinaus – nach Agbogbloshie, zur Korle Lagoon und schließlich bis an die Küste von Jamestown.

Dort erzählten uns Fischer, dass Abfall, der ins Meer gelangt, inzwischen zu ihrem Arbeitsalltag gehört.

Wenn wir heutzutage unsere Netze ins Meer werfen, fangen wir statt Fischen am Ende Kleidungsabfälle. Das bricht einem das Herz. Abfall ist ein Problem.

Daniel Offei Duodu
Daniel Offei Duodu
Seit 30 Jahren Fischer

Als wir diese Fischer interviewten, denen die riesigen Trawler vor ihrer Küste einen großen Teil der Fische wegfangen und die unter den gewaltigen Mengen an Abfall in ihren Fischernetzen leiden, standen uns die Tränen in den Augen. Wie kann es sein, dass wir Menschen aus den sogenannten „entwickelten“ Ländern das Leben von Menschen Tausende Kilometer entfernt so sehr schädigen – Menschen, die früher ein gutes Leben führten und ihre Familien ernähren konnten? Und damit warf unsere Reise eine noch größere Frage auf.

Was bedeutet „Entwicklung“ eigentlich?

Nicht weit vom Kantamanto Market und Agbogbloshie liegt die Korle Lagoon. Heute ist sie stark verschmutzt. Für die Ga-Gemeinschaften in Accra haben die Lagune und die umliegenden Gewässer jedoch eine kulturelle und spirituelle Bedeutung.

In Jamestown sprachen wir mit einem traditionellen Ältesten der Gemeinschaft, einem Schamanen. Er erinnerte sich an eine Zeit, in der die Materialien des Alltags leichter zur Erde zurückkehrten; sie waren schlicht biologisch abbaubar. Plastik dagegen beschrieb er als etwas, das zu einer „Blockade in unserem Leben“ geworden sei. Seine Botschaft war bemerkenswert direkt:

Lasst uns zu unserem alten System zurückkehren.

Shaman Nii Ogbamey Mensah
Shaman Nii Ogbamey Mensah
Ältester und Schamane der Ga-Gemeinschaft, Jamestown

Natürlich kann „zurückgehen“ nicht bedeuten, die Vergangenheit wiederherzustellen. Doch seine Worte brachten uns dazu, die Richtung zu hinterfragen, in die sich industrialisierte Gesellschaften entwickelt haben.

Wir neigen dazu, Entwicklung anhand von Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Technologie und materiellem Wohlstand zu messen. Industrialisierte Gesellschaften sind außerordentlich gut darin geworden, Rohstoffe zu entnehmen, zu produzieren, zu konsumieren und wegzuwerfen.

Doch was ist aus uns geworden, wenn dieser Fortschritt die Ökosysteme zerstört, von denen das Leben selbst abhängt?

In unserem Interview sprach Mahu auch über Mikrofasern, die bei ihrer Laborarbeit beobachtet wurden, und nannte aufgegebene Fischernetze sowie zerrissene Polyesterkleidung als mögliche Quellen. Sie betonte, dass weggeworfene Kleidung nicht einfach verschwindet, wenn wir sie nicht mehr benutzen – und dass Länder, die bereits mit ihrem eigenen Abfall zu kämpfen haben, nicht immer größere Mengen unerwünschter Kleidung aus anderen Teilen der Welt aufnehmen sollten.

Das ist das physische Nachleben unseres Konsums.

Ein echtes „Weg“ gibt es nicht. Plastik bleibt bestehen, zerfällt in immer kleinere Teile und bewegt sich durch Ökosysteme. Was unsere Kleiderschränke verlässt, kann letztlich Teil einer viel größeren Umweltgeschichte werden.

Menschen SIND Natur

Unsere Gespräche in Ghana führten uns immer wieder zurück zum Thema Verbundenheit. Dr. Kofi Amponsah, Naturschützer und Director of Biodiversity Research an der University of Ghana, formulierte es so:

Meine Botschaft wäre: Natürlich ist besser, und zwar so, dass es nachhaltig ist … denn alles ist miteinander verbunden.

Dr. Kofi Amponsah
Dr. Kofi Amponsah
University of Ghana

Was für eine Entwicklung schickt riesige Mengen billiger Kleidung um den Planeten, nur damit ein Teil davon am Ende in den Gewässern und Fischernetzen einer anderen Gemeinschaft landet? Und wer sollte eigentlich von wem lernen?

Das physische Nachleben unseres Konsums

An der University of Ghana eröffnete uns die Wissenschaft eine weitere Dimension dessen, was wir zuvor gesehen hatten.

Prof. Dr. Edem Mahu, marine Biogeochemikerin und Gründerin der Future Ocean Leaders Academy, hat an Forschungsarbeiten mitgewirkt, die Mikroplastik-Verunreinigungen in den Sedimenten von Küstenlagunen rund um Accra dokumentieren. Weitere Forschungsarbeiten von ihr weisen Mikroplastik auch in Fischen vor der Küste Ghanas und in Mangroven-Austern nach, die in verschiedenen Teilen Westafrikas beprobt wurden.

Warum hinterlassen wir die Natur in diesem Zustand? Wir werden den Planeten unbewohnbar machen.

Prof. Dr. Edem Mahu
Prof. Dr. Edem Mahu
University of Ghana

Er beschrieb außerdem seine eigene tiefe Verbundenheit mit der Natur und wie ihm der Kontakt mit ihr durch schwierige Zeiten hilft. Das hat uns tief berührt. Wir sprechen oft davon, „die Natur zu schützen“, als wäre sie etwas außerhalb von uns. Doch wir atmen ihre Luft. Wir trinken ihr Wasser. Wir essen, was in ihren Böden wächst und in ihren Gewässern lebt.

Wir sind nicht von der Natur getrennt. Menschen SIND Natur.

Wenn wir das wirklich verstehen, erscheint auch Verschmutzung in einem anderen Licht. Was wir Ökosystemen antun, tun wir letztlich dem lebendigen System an, zu dem wir selbst gehören.

Ghana ist nicht einfach nur ein Ort, der die Folgen des Modesystems anderer zu spüren bekommt. Auf unserer Reise begegneten wir auch vielen Menschen, die Alternativen schaffen. Auf dem Kantamanto Market reparieren, verkaufen und erfinden Menschen enorme Mengen an Kleidung neu und halten so Kleidungsstücke im Kreislauf, die sonst möglicherweise weggeworfen würden.

Wer sollte von wem lernen?

Der Modedesigner Titus Nartey Gakpe, Gründer von Calcul, arbeitet mit Secondhand-Stoffen und natürlichen Farbstoffen. Seine ideale Modewelt ist eine, in der hochwertige, nachhaltige Dinge produziert werden, weil Menschen sie tatsächlich wollen – statt sie im Übermaß herzustellen und den Konsument:innen aufzudrängen.

Von unserer Art zu produzieren … kann die westliche Welt lernen.

Titus Nartey Gakpe
Titus Nartey Gakpe
Gründer, Calcul

Dieser Satz blieb uns im Gedächtnis. In industrialisierten Gesellschaften gibt es die Tendenz, indigenes und traditionelles Wissen mit der Vergangenheit zu verbinden. Aber was, wenn das Verständnis, dass wir selbst Teil der Natur sind, genau das Wissen ist, das die Menschheit für die Zukunft braucht?

Natürlich bedeutet das nicht, dass Ghana alle Antworten hat. Ghana selbst steht vor enormen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen. Kein Land, keine Kultur und keine Gemeinschaft ist homogen.

Aber was, wenn wir aufhören anzunehmen, dass die industrialisierte Welt alle Antworten hat?

Eine Gesellschaft kann technologisch hoch entwickelt und gleichzeitig ökologisch entfremdet sein. Sie kann wirtschaftlich reich sein und zugleich die lebendigen Systeme verarmen lassen, von denen dieser Wohlstand letztlich abhängt.

Vielleicht sollten wir Entwicklung nicht nur daran messen, was eine Gesellschaft produzieren kann, sondern auch daran, was sie bewahren kann: ob Flüsse lebendig sind, ob Feuchtgebiete sich regenerieren können, ob Fischer Fische statt weggeworfener Kleidung in ihren Netzen finden und ob die nächste Generation mehr als nur Abfall erbt.

Mode neu definieren – und wieder Verbindung schaffen

Wir trafen auch Yayra Agbofah, Gründer und Creative Director von The Revival. In seiner Arbeit verwandelt er weggeworfene Kleidung in neue Designs und verbindet Kreislaufwirtschaft mit Gemeinschaft und sozialer Wirkung.

Einer meiner größten Wünsche für die Modeindustrie ist, dem ein Ende zu setzen und neu zu definieren, was Mode ist – und dabei den Planeten an erste Stelle zu setzen.

Yayra Agbofah
Yayra Agbofah
Founder of The Revival

Für uns wurde dies zu einer der zentralen Erkenntnisse der Reise. Vielleicht sind ein mit Plastik gefüllter Ozean, ein aus dem Gleichgewicht geratenes Klima, der Zusammenbruch der Artenvielfalt und Berge weggeworfener Kleidung keine voneinander getrennten Probleme.

Vielleicht sind sie Symptome. Symptome einer Weltsicht, die uns gelehrt hat, Natur in erster Linie als Ressource zu betrachten – als etwas außerhalb von uns, dem wir etwas entnehmen, das wir verändern und konsumieren und in dem wir unseren Abfall entsorgen können.

Von Zerstörung zu Heilung

Heilung ist das letzte Kapitel von Under Our Skin.

Für uns bedeutet Heilung nicht, so zu tun, als könnten wir die bereits entstandenen Schäden einfach rückgängig machen. Sie bedeutet, dem Leben die Chance zu geben, sich zu regenerieren.

Sie beginnt, wenn wir aufhören zu fragen:

Wie viel kann die Natur noch aushalten?

und stattdessen fragen:

Was braucht die Natur, um wieder zu gedeihen?

Diese Frage steht im Zentrum unseres Films The Ocean and the Turtle. Der Film geht über Plastikverschmutzung, Fast Fashion oder Klimawandel als einzelne Probleme hinaus und fragt nach dem tieferliegenden Thema, das diese Krisen miteinander verbinden könnte: unserer Beziehung zur lebendigen Welt.

Der Ozean ist nicht einfach eine Ressource, eine Müllkippe, ein Kohlenstoffspeicher oder eine schöne Kulisse für das menschliche Leben. Er ist ein lebendiges System, zu dem wir gehören und von dem wir abhängen.

Den Ozean zu heilen bedeutet deshalb auch, diese Beziehung zu heilen – und damit auch uns selbst, einschließlich unseres Wertesystems.

Vielleicht sieht Fortschritt genau so aus

Wir reisten nach Ghana, weil wir die Folgen des globalen Modehandels verstehen wollten.

Zurück kamen wir mit einer viel größeren Frage. Seit Generationen exportieren industrialisierte Länder Technologien, Produkte, Wirtschaftsmodelle und Vorstellungen von „Entwicklung“ in die ganze Welt.

Doch sie exportieren auch Abfall, Verschmutzung, Treibhausgase und Emissionen – und ein Wirtschaftsmodell, das auf einem endlichen Planeten darauf basiert, immer mehr zu entnehmen, immer mehr zu produzieren und immer mehr zu konsumieren.

Wir glauben, es ist Zeit, die Richtung des Lernens umzukehren.

Zuzuhören …

  • Gemeinschaften, deren Beziehung zum Ozean von Respekt und Gegenseitigkeit geprägt ist
  • Fischern, deren Lebensgrundlage unmittelbar von seiner Gesundheit abhängt
  • Wissenschaftler:innen, die dokumentieren, was unser Konsum hinterlässt; Designer:innen, Händler:innen und Unternehmer:innen, die aus Materialien, die andere weggeworfen haben, neuen Wert schaffen

Und indigenem und traditionellem Wissen zuzuhören, das uns an etwas erinnert, das industrialisierte Gesellschaften irgendwie vergessen haben:

Die Natur ist nicht um uns herum.
Die Natur sind wir.

Wenn unsere Vorstellung von „Entwicklung“ uns von diesem Verständnis weggeführt hat, ist es kein Rückschritt, uns wieder damit zu verbinden.

Vielleicht ist es genau das, was Fortschritt heute bedeuten muss. Und vielleicht beginnt genau dort Heilung.

Entdecke The Ocean and the Turtle

Mehr über Under Our Skin – Mikroplastik in der Mode

Wenn Du unsere Bemühungen zur Verringerung der Plastikverschmutzung im Ozean unterstützen möchtest, kannst Du Dich an unserer aktuellen Kampagne beteiligen, indem Du unsere Petition unterzeichnest oder für unsere Naturschutzarbeit spendest. Gemeinsam können wir eine Welle der Veränderung bewirken.

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